Geschichte eines (inzwischen:ehemaligen) Hunde-Phobikers
Brief an einen - inzwischen - Freund:
"Ach - das wird ja fast ein Lebenslauf - so was wie Memoiren, wenn ich Dir meine ganze Hundegeschichte erzähle. Ich hab ja auch inzwischen gelernt, damit umzugehen - nein, besser: meine Familie und meine Freunde haben akzeptiert, dass ich die Strassenseiten wechsele, wenn ein Hund-an-der-langen-Leine oder gar ohne Leine im Sichtkreis erscheint. Oder dass evtl. vorhandene Hunde nicht anwesend sein dürfen, wenn ich irgendwen besuche. Kritisch wird es beim geschäftlichen Kontakt; wenn z. B. im Büro ein Hund herumläuft. Doch gott-seidank hab ich mich bisher meist durchsetzen können mit meinem Wunsch: er oder ich. Ich hab es auch schon lange aufgegeben, nach rationalen Gründen dafür zu suchen, dass ich offensichtlich als "Hundeopfer" geboren wurde. Es muss mir wohl tatsächlich (ganz ohne Jux) etwas anhaften (ein Geruch, eine Ausstrahlung?), die Hunde aggressiv macht. Obwohl - ich will Dir ein Beispiel erzählen:
Einer meiner Freunde hat (hatte?) fünf Kinder, eine nette Frau und einen Hund; die Geschichte ist ca. 15 Jahre alt. Ich habe oft sein Haus besucht - kein Problem, weil der Hund im Garten war oder woanders. Wir haben Stunden, Tage, Nächte verbracht; eben alles so, wie es sich gehört. Das Hundchen - ich habe nie die Rassen unterscheiden gelernt; er mag etwa 20 cm hoch gewesen sein, schwarz-braun-spitze Nase, kurzhaarig - war also für mich kein Problem.
Es war an einem Donnerstag, 18 Uhr, und ich klingle an seiner Haustür. Elke, die Frau des Hauses, öffnet weit die Haustür. Da kommt (aus der Tiefe des Raumes...), quer durch Wohnzimmer und Flur, das Hundchen geflogen (das ist keine Übertreibung), macht einen Satz, der weit höher und weiter war, als ich einem solchen Tierchen je zugetraut hätte, und verbeisst sich in meinem Oberschenkel: für den Hund mindestens 3. Etage! Warum? Keine Ahnung. Weil "ich" es war.
Wie das angefangen hat?
Ich bin in einem kleinen Bauerndorf in der Eifel aufgewachsen. Unsere Familie (Opa, Oma, Vater Schlosser, Mutter mit fünf Kindern) hatte einen kleinen Garten. Hühner, Karnickel, manchmal ein Schwein, etliche Katzen. Keine Hunde. Hunde gab es im Dorf die Menge. Meine erste Erinnerung an Hunde sind Kettenhunde. Jeder Bauer hatte mindestens einen. Es war normal, dass es auf dem Hof eine Hundehütte gab. Der darin hausende Hund (meist Schäferhund-artig, manchmal mit zottig-schwarzem Fell) war an einer langen Kette gefesselt: gerade lang genug, um den Hof "abzudecken" (vorderes Tor, hinterer Scheunen-Eingang, Haustür). Schliesslich: es gab (Du kennst die Zeit, etwa 1949/50) noch jede Menge "fremdes Pack", wie man im Dorf zu sagen pflegte, das herumzog: freigelassene, polnische Zwangs- oder Fremdarbeiter, Städter auf der Suche nach Tauschgut oder einer Schinkenseite, heimatlos gewordene Kriegsrückkehrer. Vor all diesem Volk (und anderen, in ländlichen Gegenden allfälligen Dieben) hatte der Hund zu schützen.
Ich erinnere mich: die Hunde an der Kette zerrend, Zähne fletschend und jeden, der in ihren Dunstkreis kam, laut verbellend. Nachts hörte ich sie auch. Einer schlug an, die anderen fielen mit ein ins Konzert. Dann flaute es ermattend ab, um beim nächstens (tatsächlichen oder vermeintlichen) Anlass wieder loszugehen.
Auch unser Nachbar - natürlich ein Bauer - hatte einen solchen Hund. Doch er hatte auch Kühe, also Milch. Und fünf Kinder brauchen Milch. Also wurde irgend ein greifbares Kind mit der Milchkanne losgeschickt: Hol Milch!
Bei dieser Gelegenheit hatte ich Premiere. Reingelassen in den Hof hat mich das Tier (ich muss gestehen: Ich drückte mich an der Wand lang und habe gehofft, die Kette sei kurz genug...), die Magd ("wat mähtse fü ene Quatsch - da Honk deet disch nex!") füllte die Kanne mit warmer, frischer Milch und schickte mich auf dem kurzen Weg (also durch den hinteren Garten) nach Hause zurück. Dabei ist es passiert.
Ich weiss nicht mehr, wie ich heimkam. Ich weiss nur: Ich hatte eine ordentliche Bisswunde am Arm, der Bauer hatte rumgebrüllt, ich hatte geschrien und geglaubt, ich werd gefressen. Oma hat den Arm verbunden, den Strauss mit geweihten Kräutern vom Nagel genommen und einen Sud gemacht, mit dem der Arm tagelang abgewischt wurde.
Eigentlich eine ganz banale Kindergeschichte. Doch seither fürchtete ich mich vor Hunden.
Wenige Jahre später durfte ich endlich zur Schule. Der Schulweg führte über mehr als einen Kilometer durch die ganze Länge des Dorfes. Es gab von Zuhause bis zur Schule zwölf Hunde, die ich zu meiden hatte. Slalom war angesagt. Meine Spielfreunde und Klassenkameraden/innen (brave Dorf- und Bauernkinder) hatten das schnell spitz. Sie fanden es wohl toll, wenn sie den "Professor" (das war mein Spitzname) mit "ihrem" Hund erschrecken oder besser noch: erwischen konnten. Ich hör noch heute, wie sie "FASS!" rufen, fühle, wie meine Beine rennen. Und die Sekunde, bevor ich gebissen wurde, habe ich tausendmal nacherlebt.
Ich komm ins Klönen (dabei warten meine Designer auf einen Text...). Mal versuchen, Deine Fragen abzuarbeiten. (Anm.: die Fragen erhellen sich aus den Antworten.)
1. Hunde waren furchterregende Tiere, die an langen Ketten hingen und mich fressen wollten.
2. Den Bauern war das recht: Vor dem Hund muss sich jeder fürchten; nur dann taugt das Vieh als Wachhund.
3. Dann kam der erste Biss (wie eben beschrieben).
4. Das muss im Frühjahr 1950 gewesen sein - ich war wohl gerade fünf Jahre alt. Nein - da fällt mir ein: Es gab schon vorher eine Begegnung - die war so: Die Bauern im Dorf hatten schwere Belgier-Pferde als Arbeitstiere: hohe, grobknochige Ackergäule. Wir spielten auf einer Wiese. Nachbars Knecht war ein Pole, dem wir Kinder (so, wie es der Brauch war) "Pollack, Pollack" nachriefen - und dann wegrannten. Einmal hat er mich erwischt, weil ich hingeflogen bin. Er packte mich und - hupps - sass ich auf dem Rücken eines dieser unglaublichen hohen, grossen Pferdetiere. Der Knecht haute dem Tier mit dem Stock auf die Hinterbacken - und in einer Gangart, die man bei normalen Pferden "Galopp" nennt, die aber bei den dicken Belgiern wie Galopp in Zeitlupe vor sich geht, ging das Tier los. Ich sass hoch, sehr hoch!
Und nun gesellte sich Nachbars Hund (der, welcher mich später das erste Mal gebissen hat) dazu. Er hatte den Knecht wohl begleitet und umkreiste nun den galoppierenden Belgier mit wütendem Kläffen. Und mir schien, als hätte er es auf meine Füsse abgesehen, die ich aber nicht wegziehen konnte, weil ich doch jeden kleinsten Halt brauchte! Der Spass endete damit, dass die Tochter des Bauern vom benachbarten Rübenfeld den Knecht anschimpfte, der daraufhin das Pferd leicht einfing, den Hund mit einem Fusstritt verjagte und mich am Kragen vom Pferd holte.
Ich bin weinend heimgelaufen...
Es waren wohl zuerst meine Schulkameraden (ja: auch -innen), die Spass daran hatten, Hunde auf mich zu hetzen.
Später ging es meist nach der Melodie: Ich versteh das nicht - der Hund hat noch nie...
Das war zum Beispiel so, als ich mit zwei Freunden auf dem regelmässigen sonntagmorgendli-chen Waldlauf war: hier in Hamburg, in einem schönen Wäldchen, der samt Trimm-dich-Pfad, Bänken und Unterstell-Hütten als Freizeitwald wohlgelitten ist. Wir waren - wie erwähnt - drei Kerle. Der Hund (so was Collie-mässiges), der mich diesmal biss, begleitete (natürlich unangeleint) sein Besitzer-Pärchen beim Spaziergang. Und er wählte aus den Dreien, die dort vorbeiliefen, zielgenau - na, wen wohl? - mich aus, um sich aufzurichten, mit den Vorderfüssen an meiner Brust abzustützen und einen Biss anzubringen, den ich - erfahren - mit dem schützend erhobenen Unterarm entgegennahm. Nein, wie hat das den Leuten leidgetan!! Noch nie hat der Hund so was getan! Von dieser Art & Güte hätte ich einige Bisserlebnisse anzubieten.
Ich weiss nicht, ob das Menschen sind, die solche Aktionen auslösen. Wenn ich den diversen Haltern etwas vorwerfe, dann: dass sie die Tiere nicht anleinen. So vor zwei Wochen: Ich war mit meiner Regina per Fahrrad unterwegs, und wir machten eine Rast an einem kleinen See. Zwei Menschenpärchen kamen mit ihren beiden Hunden des Wegs: einer Bernhardiner-ähnlich, doch mit fast weissem Fell, der andere das, was ich einen Jagdhund nenne: braungefleckt, kurzfellig, sportlich.
Dann sind sie (die Hunde) erfolglos auf Entenjagd gegangen: dafür ist es ein gutes Revier. Ich wollte mich verkrümeln, weil - wenn Hunde von der Leine sind, bin ich schnell aus dem Blickfeld! Doch Regina wollte erst mal noch zuende rauchen - nu gut! Noch vor der Zigarette endete die Entenjagd. Und nun schwamm der Bernhardiner-ähnliche Hund zu seinen Leuten zurück, die etwa zehn Meter entfernt von uns im Gras sassen; der Jagdhund jedoch hielt, von See kommend, strikt Kurs auf uns. Und ich wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Nun hab ich ja Erfahrung. Also hüpfte ich "behend" hinter mein Fahrrad, das Rad meiner Frau auf die andere Seite, meinen Rücken deckend. So hatte ich einen schützenden Käfig. Gerade noch rechtzeitig: Der Jagdhund stand kläffend und seine Beute verbellend vor dem Fahrrad und versuchte, mich zu erwischen. Der junge Mann, dem der Hund wohl zugehörte, eilte nunmehr herbei; nach mehreren Anrufen zog der Hund sich knurrend zurück und liess sich von Herrchen an die Leine legen.
Ob ich Angst vor Hunden hätte, fragte er mich. Sein Hund sei erstklassig dressiert - ich hätte mich nur nicht so anstellen sollen, das könnten die Hunde nicht leiden.
Da ich weiss, wie solche Diskussionen verlaufen, habe ich auf Antwort verzichtet und bin meines Weges geradelt.
In meiner Wohnumgebung gibt es so gut wie keine Hunde, aber viele Katzen. Wir wohnen in einer grünen Ecke von Hamburg, ja: es ist eine "bessere" Gegend. Grosse Grundstücke und Gärten. Unser Haus ist ein End-Reihenhaus mit vielen schönen Bäumen in einem halbwilden Garten. Ein Nachbar hat seit Jahren einen Hund, den ich aber bisher erst einmal gesehen habe. Da ist er allerdings durch die Hecke geschlüpft und hat mich ordentlich verbellt. Ich habe eine Holzplatte zum Schutz gegriffen und den Nachbarn gerufen. Ein anderer Hund - ein Collie - wird täglich an unserem Grundstück vorbeigeführt (beim Gassi-Gehen). Manchmal zankt er die Katze (läuft also aufs Grundstück, bellt), ist aber wohl gleich wieder freiwillig verschwunden.
Einen Halter erwähne ich noch. Die "beste Freundin" meiner Frau (das ist ja immer ein Mensch, der wichtig ist) besitzt, gemeinsam mit ihrem Mann, einem Hobby-Jäger und berufsmässigen Croupier, zwei Hunde: einen grossen, völlig verwuschelten, kaum, dass man erkennt, wo vorn und hinten ist; und einen Jagdhund von der Art, wie ich ihn schon beschrieben habe: So was "britisches", kurzhaariges, hell-dunkelbraun-ge-fleckt.
Ich sehe mit Verwunderung, dass diese Hunde es sind, die das Paar anbinden und fesseln: Die Tiere auszuführen, zu füttern, kurz: zu betreuen, muss ja wohl aufwendiger und schwieriger sein, als mir die (Allein-)Erziehung meiner beiden Töchter gefallen ist? Kein gemeinsam besuchtes Konzert, wo nicht um 22 Uhr "Wir müssen zu den Hunden!" kommt; kein Kartenspiel-Abend, der nicht mit "wer fährt jetzt zu den Hunden" unterbrochen wird. Übrigens: Meine jüngste Tochter (17) übernimmt mit Freude (und gegen anständige Bezahlung) das Hundesitting dort! Und - auch das muss ich noch klagen - ich kenne kaum einen grösseren Freund aller Hunde dieser Welt als meine geliebte Frau.
Wenn ich die Strassenseite wechsele wg. Hund, geht sie fröhlich auf das Tier zu, schaut es traulich an und spielt mit ihm, wenns konveniert. Sie leidet darunter, dass ich ein so gründlich verdorbenes Hunde-Leben führe; ginge es nach ihr, wären unser Haus & Garten sich ein Hunde-Himmel.
8. Nee - Rassen sind mir egal. Selbst ein Wie-heissen-denn-die-kleinen-Viecher-mit-Schleife-für-die-Handtasche? - so einer hat mich in den Zeh gebissen.
9. Ich habe Angst. Aber ich bin auch abgestumpft und erfahren. Ich reg mich längst nicht mehr auf. Ich geh meiner Wege, möglichst ohne Hundekontakt, weiss mit fast automatisierter Routine selche Kontakte zu vermeiden, verlasse mich auch viel auf meine Frau, die mich schützt, weil sie mit den Hunden nett anbandelt und damit vermeidet, dass ich auffalle.
Was ich denke?
Nicht viel, höchstens hin und wieder noch ein Seufzer.
Weisst Du: Ich bin auch einer, dem es nie schlecht geht. Gerade, weil ich bisher "lebensprall" intensiv gelebt habe, weil ich von keinem nichts erwarte, gerade deshalb geht es mir gut. Ich geniesse jeden Tag. Carpe diem - mein Motto. Ich esse gern und gut. Ich geniesse jedes Detail lustvoll und bewusst. Wirklich ärgern kann mich nix. Ich sag mal ganz arrogant: Da steh ich drüber. Und in diesem Kontext ist mein Hunde-Leben nur eine Facette, der ich im Alltag so gut wie keine Bedeutung beimesse.
Ich passe auf, dass mich auf der Strasse kein Auto überfährt, dass mich im Geschäft keiner bescheisst, und dass mir kein Hund nahekommt. Weisst Du - das ist automatisiert, verinnerlicht. Das Beispiel mit dem Strassenverkehr machts vielleicht deutlich: Du hast keine "bewusste" Angst vor fahrenden Autos. Und schaust dennoch sorgfältig nach links und rechts, dass dich keines überfährt. Und da es viel mehr Autos als Hunde gibt, ist das für mich eigentlich kein "Problem". Dennoch gebe ich zu: Manchmal ist es lästig, nervig.
Wuff - das ist jetzt doch viel Text geworden.
Ich danke Dir. Dass jemand so an meinem "Tick" Anteil nimmt - das tut gut. Wenn es von einem überzeugten (und ich bin sicher: gegen Tier und Mensch sehr verantwortungsbewussten) Hundefreund kommt, tuts doppelt gut."
Hamburg, Herbst 1995
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